09.12.2015 | Druckversion

Die schützende Hand über der NSU

netzwerk01Auf das Cover von Wolfgang Schorlaus neuestem Thriller „Die schützende Hand“ gehört eigentlich eine Warnung, ähnlich wie bei Zigarettenpackungen: „Das Lesen dieses Buches könnte dazu führen, dass sie das gleiche mulmige Gefühl und die gleiche Angst vor Polizei, Geheimdiensten und Justiz beschleichen wie dessen Protagonist Georg Dengler.“

Wer einen klassischen Krimi erwartet – Verfolgungsjagd, Gestalten im Dunkeln, Held gerät in Gefahr, Schießerei – könnte von dem Buch enttäuscht sein. Schorlau hat jedoch etwas Spannenderes verfasst als einen Krimi. Er hat den realen Kriminalfall der NSU-Mordserie analysiert und eigene Thesen zu offenen Fragen dieses Falles formuliert.

Die fiktive Handlung um den Stuttgarter Ermittler und Ex-BKA-Beamten Georg Dengler dient dem Autor als literarisches Stilmittel, um den Erklärungen zum Ablauf des NSU-Skandals, den Akten-Zitaten und der Spekulation über die NSU-Affäre Rahmen und Rhythmus zu geben.

Schorlau hat bereits in seinen bisherigen Thrillern, z.B. über die Hintergründe des Oktoberfest-Attentates 1980 („Das München-Komplott“) und über den angeblichen RAF-Mord an Treuhand-Chef Rohwedder 1991 („Die blaue Liste“) Versatzstücke aus der Realität eingebaut und Kriminalromane genutzt, um Zeitgeschichte neu zu bewerten. In „Die schützende Hand“ radikalisiert er seine Methode.

Krimi-Puristen mag das nicht gefallen, doch das ganze Geschehen rund um die Morde der NSU ist dermaßen phantastisch und unglaublich, dass es weit aufregender ist als jede ausgedachte Geschichte. Gerade in Zeiten der literarischen Überproduktionskrise, in denen die Autoren des überfüllten Krimi-Marktes sich immer stärker durchgedrehte Mörder ausdenken, in denen gefühlt jeder zweite Schwede das vergleichsweise ruhige Land in ein belletristisches Schlachthaus verwandelt, setzt er mit seinem Thriller über ein wahres Verbrechen einen Kontrapunkt.

Zwei Leichen im Wohnmobil

Schorlau rückt die Frage, wer die NSU-Terroristen Mundlos und Böhnhardt getötet hat, in den Mittelpunkt von Georg Denglers Ermittlungen. Wie Dengler beauftragt wird, diese Frage zu lösen, wirkt etwas konstruiert, schadet der Geschichte aber nicht.

Dengler aktiviert alte Kontakte aus dem BKA, wühlt sich durch die Akten, schließt Lücken durch eigene Ermittlungen. Durch die Unterstützung seiner Freundin Olga kommt seine Untersuchung in Fahrt. Dabei findet er in innerhalb des staatlichen Apparates nur wenige Menschen, die bereit sind, nach der Wahrheit zu suchen.

Offiziell haben sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem Wohnmobil im Eisenacher Stadtteil Stregda selbst getötet, und das Wohnmobil in Brand gesteckt, als sie nach einem Banküberfall in einer Eisenacher Sparkassenfiliale von einer Streifenwagenbesatzung gestellt wurden.

Zu diesem Geschehen gibt es eine ganze Reihe offener Fragen, sowohl zur Motivation der plötzlichen Selbsttötung, zum zeitlichen Ablauf von Schüssen und Brandstiftung, als auch zum unerklärlichen Vorgehen der ermittelnden Beamten, die zur Zerstörung und Beschädigung von Spuren am Tatort geführt haben, zum Zustand der Waffen und Zahl Patronenhülsen usw.

Wolfgang Schorlau ist nicht der erste, der die Fragen stellt. Aber er lässt seinen Protagonisten Dengler eine eigene, ernst zu nehmende Hypothese zum Geschehen entwickeln, die auf realen Informationen aus Akten, teil öffentlich zugänglich, teils als „vertraulich“ deklariert, basiert. Wie bei allen Gegenthesen zu den offiziellen Thesen der Ermittlungsbehörden, des Münchener Gerichts und der diversen Untersuchungsausschüsse lässt sich diese nicht beweisen, aber diese im Rahmen eines fiktiven Krimis entwickelte Variante ist zumindest weit plausibler als die offizielle Version.

Neben der Haupthandlung um den Tod der NSU-Terroristen befasst sich der Autor mit drei weiteren NSU-Taten, dem Bombenanschlag in der Kölner Keupstraße, dem Mord an Halit Yozgat in Kassel und dem an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn und stellt jeweils die Version der Ermittlungsbehörden in Frage.

Immer mehr Fragen

Dadurch ist „Die schützende Hand“ auch ein Beitrag zur Aufklärung NSU-Skandals. Mehrere Autoren, u.a. Stefan Aust und Dirk Laabs mit ihrem Buch „Heimatschutz“ haben die Geschichte dieses Skandals akribisch untersucht, Widersprüche aufgedeckt, das Netz der V-Leute rund um die Thüringer Nazis beschrieben und jede Menge Materialien für Gegenthesen geliefert. Aber sie haben sich bewusst zurückgehalten, eigene Szenarien zu entwerfen, wohl aus Furcht, der „Verschwörungstheorie“ beschuldigt zu werden. Wolfgang Schorlau ist durch das literarische Mittel des Romans besser vor diesem Vorwurf geschützt und nutzt diesen Spielraum bravourös.

Die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen und die erneute Einsetzung eines Bundestags-Ausschusses sind Hinweise darauf, dass auch innerhalb des politischen Establishments Unbehagen über den Stand der Ermittlungen herrscht. Innerhalb des Jahres 2015 sind weitere Fakten bekannt geworden, welche die offizielle Version durchlöchern. Sollte Beate Zschäpe wie angekündigt vor dem Münchener Landgericht eine Aussage vortragen lassen, könnten sich ganz neue Aspekte ergeben.

Viele Journalisten, die Anwälte der Nebenklage in München, antifaschistische Info-Archive und Rechercheure haben in den letzten Jahren gute Arbeit geleistet. Es wäre sinnvoll, diese Erkenntnisse in einem „Untersuchungsausschuss von unten“ zusammenzufassen, um der offiziellen Version nicht nur Fragen entgegen zu stellen, sondern alternative Szenarien zu diskutieren.

„Die schützende Hand“ ist uneingeschränkt empfehlenswert. Das Buch war für mich ungeheuer spannend, auch weil ich viele Fakten schon kannte. Für LeserInnen, die sich bisher nicht intensiv mit dem NSU-Skandal beschäftigt haben, mag es zunächst etwas sperrig wirken, aber es lohnt sich auch für diese, sich auf diesen echten Krimi einzulassen, darauf, wie sich Privatdetektiv und seine Freunde in die Fakten einarbeiten, diese sortieren und interpretieren. Das ist allemal spannender, als die x-te Schilderung der unerklärlichen Grausamkeiten grotesk übersteigerter Serienkiller.

Wem das Buch ein bisschen gefällt, aber doch zu wenig Fiktion darin enthalten ist, dem seien Schorlaus andere Bücher empfohlen, gerade sein vorletztes zu den Machenschaften in der deutschen Massentierhaltung („Der zwölfte Tag“).

Wolfgang Schorlau, Die schützende Hand, 384 S., Verlag Kiepenheuer & Witsch, ISBN 978-3462046663