09.12.2015 | Druckversion

Als hätte es der "Verfassungsschutz" geschrieben

nsudemaiziereBeate Zschäpe inszeniert ihre Aussage als zynische Schmierenkomödie und verhöhnt damit die Opfer des NSU – Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kiliç, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat, Michèle Kiesewetter – und ihre Angehörigen.

Ihre Selbstdarstellung als DDR-Mädchen mit unglücklicher Kindheit in emotionaler Abhängigkeit von zwei Killern ist eine komprimierte Version vieler deutscher Mitläufer*innen und Täter*innen nach 1945. Man habe von nichts gewusst oder alles sehr spät erfahren. Und denn hätte man nichts machen können, die Nazis wären so mächtig gewesen.

Doch nicht dieses absurde Theater ist der zentrale Aspekt von Zschäpes Aussage. Viel wichtiger ist, dass sie in nahezu allen Aspekten eine Version liefert, die mit der offiziellen Version der staatlichen Organe kompatibel ist. Sie schildert den NSU als völlig isolierte Gruppe, stellt Böhnhardt und Mundlos als Täter in allen Fällen dar, die ihnen zugeordnet werden, auch bei Michèle Kiesewetter und beim Anschlag auf einen Kiosk in Köln 2001 (bei denen andere bzw. Täter*innen vermutet werden), geht weder auf ihre eigenen Aktivitäten nach dem 4. November noch auf den seltsamen „Selbstmord“ der Uwes.

Ihre Aussage könnte ihr nutzen, weil damit zum ersten Mal eine Gegenthese zur Anklage formuliert wurde und damit die Hürde, sie wegen Mordes zu verurteilen, etwas höher gelegt wäre. Das Gericht könnte die Märchen allerdings auch leicht zerpflücken.

Der eigentliche Vorteil für sie könnte sich aus der Verfassungsschutz-Konformität ihrer Aussage ergeben. Zschäpes Aussage wird öffentlich v.a. unter dem Aspekt diskutiert werden, ob sie weniger oder mehr an der Mordserie beteiligt war. Die Bundesanwaltschaft wird darauf bestehen, dass es in München auch nur darum gehen sollte.

Durch die Konzentration auf die Person Zschäpe und ihre Legende geraten die eigentlich wichtigen Fragen nach möglichen Verbündeten in den Orten der Morde und danach, warum der Staat dem angeblichen Mörder-Duo- oder Trio trotz eines dichten V-Mann-Netzes um sie herum nicht gefasst hat, in den Hintergrund.

Zschäpe liefert mit ihrer Selbstdarstellung als angeblich hilflose und fremdbestimmte Frau ein Rückzugsgefecht, um eventuell noch bestehende Strukturen von Nazi-Terroristen, deren Umfeld und die Beteiligung staatlicher Organe daran aus dem Blick der Öffentlichkeit zu rücken. Die Frage „Wem nutzt es?“ führt damit erneut zu Geheimdiensten und Ermittlungsbehörden.